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Interview mit Christoph Dowe

geführt von Christine Plaß

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   Interview

Über

Christoph Dowe

geb. 1968
Studium der Politologie & Lateinamerikanistik,
Journalist, Geschäftsführer bei politik-digital.de

Interview

Du arbeitest für politik-digital.de: Kannst Du kurz beschreiben, was das ist?
politik-digital.de ist im Wahlkampf 1998 entstanden, um die politische Kommunikation mit dem Internet zu fördern. Bis heute gibt es auf der Seite ein journalistisches Angebot zum Thema Politik und Internet, wir führen Internet-Chats mit Politikern durch, geben einen wöchentlichen Newsletter heraus und versuchen zu zeigen, wie das Internet vorbildlich für politische Partizipation eingesetzt werden kann. Inzwischen haben wir einen großen Stamm an ehrenamtlichen Redakteuren, die für uns schreiben und ein riesiges Textarchiv mit 3000 bis 4000 Unterseiten. In der Szene von Leuten, die sich für Politik und Internet interessieren, haben wir einen wichtigen Platz. Seit eineinhalb Jahren arbeiten wir auch immer öfter semi-wissenschaftlich in diesem Feld. Im Auftrag größerer Institutionen wie zum Beispiel der Bertelsmann-Stiftung, der Initiative D21 oder Accenture haben wir Studien über e-Government und e-Politics erstellt oder daran mitgewirkt, Fragestellungen und Forschungsdesigns zu entwerfen. Wir haben Studien über Betriebsräte in der New Economy, Online-Learning oder NRO im Internet erstellt, führen Rankings von Politiker- Parteien- oder Städte-Websites durch und geben Empfehlungen, wie vorbildliche Partizipations-Websites auszusehen haben.
Wir finanzieren uns zum Teil durch Dienstleistungen wie Chats mit Politikern, zum Teil durch unsere Studien und andere konzeptionelle oder redaktionelle Dienstleistungen. Chats etwa führen wir bis zu viermal im Monat im Auftrag von tagesschau.de oder anderen Auftraggebern durch, für die Bundeszentrale für politische Bildung erstellen wir eine tägliche Linkliste zu den Folgen des 11. September 2001.

Wolltest Du schon während des Studiums mit den Neuen Medien arbeiten?
Überhaupt nicht. Ich war ein Spätzünder in Sachen Internet. Ich habe mir erst 1996 eine E-Mailadresse organisiert. Mein Berufsziel war immer Journalismus.

Wie ist es dann dazu gekommen, dass Du Geschäftsführer bei pol-di.net e.V. wurdest?
1997 bekam ich in Bremen bei der taz - die tageszeitung meine erste Stelle als Redakteur. Während der Zeit dort hab ich gemerkt: Man schreibt als Redakteur in einer Tageszeitung mit kleiner Redaktion und hoher Arbeitsbelastung einfach kaum noch schöne Stücke. Die Texte werden oft nur noch runtergemetert. Journalismus blieb trotzdem ganz lange mein Traumberuf.
Als ich anfing, als Geschäftsführer von politik-digital zu arbeiten, konnte ich noch gar nicht richtig absehen, wie sehr sich meine Arbeit verändern würde. Ich bin anfangs noch davon ausgegangen, dass der Laden klein genug ist, um mich auch noch inhaltlich mit eigenen Texten einzubringen. Tatsächlich habe ich jetzt mehr Einfluss auf die inhaltliche Linie als je zuvor - für eigene Texte aber fehlt mir fast immer die Zeit. Als Geschäftsführer hat man einfach andere Aufgaben.

Was sind Deine Aufgaben?
Ich mache viel Organisatorisches, bin für Kundenakquise zuständig, für Angebotsformulierung, für Außenkontakte, Repräsentation, für Buchhaltung und fürs Geld. Außerdem bin ich meist derjenige, der die Vorträge hält. Ich muss dafür sorgen, dass wir genug Aufträge haben, muss gucken, dass inhaltlich eine Linie festgeklopft wird und dass die Organisationsstruktur trägt. Ich bin auch an Studien beteiligt, redigiere oder spreche Konzepte durch. Letztendlich geht es darum, mit wenigen Festangestellten und einem begrenzten Budget ein Heer von Freiwilligen und Ehrenamtlichen zu koordinieren - Redaktion, Mitglieder, Vorstand, Kuratorium. politik-digital.de ist ja kein Journalisten-Büro, sondern ein äußerst agiles Netzwerk von verschiedensten Menschen, die daran glauben, dass die Demokratie von einem neuen Medium wie dem Internet profitieren sollte. Wie das unterstützt wird - mit technischen Erfindungen, journalistischer oder wissenschaftlicher Arbeit - das hängt von den Einzelinteressen ab.

Welche Qualifikationen für Deine Aufgaben als Geschäftsführer brachtest Du schon mit?
Fast alles musste ich während des Jobs lernen und zwar verdammt schnell: Wie man einen Business-Plan schreibt, wie man mit Excel umgeht, wie man Verträge formuliert und die Buchhaltung macht. Der ehrenamtliche Vorstand kontrolliert mich und kann mich Gott sei Dank in jeder Hinsicht beraten. Am Anfang war es happig, das alles zu lernen, denn mit dem, was ich als Redakteur gemacht hatte, hat das nur noch wenig zu tun. Aber es ist eben auch spannend und macht Spaß.

Haben Dir auch Fähigkeiten, die Du während deines Studiums erworben hast, weiter geholfen?
Ja. Inhaltliches konnte ich natürlich nicht mehr gebrauchen. Aber abgesehen von meiner Diplomarbeit waren für mich die Themen, die ich studiert habe, ohnehin nie wirklich wichtig, sondern nur dazu da, eine Methode zu lernen. Vieles, was mir den Einstieg in den Beruf hätte erleichtern können, habe ich nicht gelernt. Zum Beispiel Buchhaltung. Aber vermutlich hätte ich einen Buchhaltungskurs sowieso nicht belegt, selbst wenn es den damals gegeben hätte. In Statistik, meinem einzigen Pflichtkurs, habe ich das Statistikprogramm SPSS gelernt. Heutzutage ziemlicher Humbug. Es wäre fünf mal interessanter gewesen, einen Excel-Kurs zu machen. Aber noch wichtiger ist, dass man lernt, wie man sich solche statistischen Methoden aneignen kann, wenn man sie mal braucht.
Grundlegende Themen wie Wissenschaftsmethodik, Wissenschaftsgeschichte, Demokratietheorie halte ich aus heutiger Sicht für extrem wichtig. Zwar konnte man das damals belegen, aber niemand hat uns vermittelt, wozu wir das brauchen. Inzwischen hat sich einiges geändert. Man kann in Berlin am Otto Suhr Institut für politische Wissenschaft inzwischen sogar lernen, wie man einen Business-Plan macht. Aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel. Dabei ist zukunftsfähiges Lernen das Lernen an konkreten Projekten und an Methoden.

Gibt es besondere Fähigkeiten, die Du als Politikwissenschaftler für die Arbeit mit dem Internet mitbringst?
Als Politologe hat man keinen Bereich, von dem man sagen kann, dass man den richtig gelernt hat. Das ist eine Schwäche, aber auch eine Stärke. Man muss ja nichts wissen, man muss nur wissen, wo es steht. Politologen wissen trotz der Mängel ihrer Ausbildung sehr gut, wie man Wissen organisiert. Sie gehen nicht naiv an Themen heran - gerade in der New Economy, wo es von Naivlingen und Wegelagerern nur so wimmelt, ist das eine Schlüsselqualifikation. Sie haben zudem noch am ehesten begriffen, wie die Wissensgesellschaft funktioniert und können das auch mit konkreten Vorstellungen verknüpfen, wie man eine zukünftige Gesellschaft oder die Kommunikation mit Neuen Medien organisieren könnte.

Was macht das Internet für Dich als Arbeitsraum attraktiv?
Das Internet ermöglicht neue Kommunikationsformen zwischen Bürgern und Politikern. Die Leute reden im Internet anders über Politik als außerhalb des Internet. Im Internet ist der Diskurs offener, direkter, fordernder. Es wird auch von Mandatsträgern erwartet, dass sie eine Mail schnell beantworten, also eine direktere Kommunikation stattfinden kann. Diese neue Anspruchshaltung gegenüber Politikern ist auch berechtigt.
Für mich heißt das Höchstmaß an Online-Partizipation nicht unbedingt Bundestagswahl durch E-Voting. Aber dass man seine Briefwahlunterlagen bei der letzten Bundestagswahl nicht überall per Internet anfordern konnte, das finde ich dann doch ein Armutszeugnis.

Woher bekommst Du die Informationen für Deine Arbeit? Hast Du Kontakte, die Du ausschließlich über das Internet pflegst?
Ich beziehe so um die 20 Newsletter am Tag, Branchendienste, Mailinglisten, etc. Insgesamt und ohne Spam gerechnet bekomme ich etwa 70 E-Mails am Tag. Wenn sich die Kontakte intensivieren, greift man aber immer irgendwann zum Telefon. Früher oder später gibt es bei ernsthaften Kontakten immer auch den Versuch, sich persönlich kennen zu lernen.
Anders ist es bei Chats mit Politikern, die ich oft moderiere. Dort ist regelmäßig ein Stamm von Leuten dabei, die häufig mitmachen und von denen ich nur den Nickname kenne. Aber das ist auch okay so.

Betrachtest Du Dich als Netzwerker?
Ja, auf jeden Fall. Eigentlich ist das die beste Berufsbezeichnung für das, was ich mache. Ich habe das Glück, in einer Position zu arbeiten, in der ich Dutzende von Menschen um mich herum habe, die in erster Linie für Überzeugung arbeiten und nicht für Geld. politik-digital.de wäre nichts ohne das Bürgerengagement.




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