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Interview mit René Meissner

geführt von Christine Plaß

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   Interview

Über

René Meissner

geb. 1964
Studium der Sozialwissenschaften
Selbstständiger Usability Analyst
E-Mail: rene@retrieve.de

Interview

Kannst Du kurz beschreiben, womit Du Dein Geld verdienst?
Ich habe ein Analyseinstrument entwickelt, das Webseitenbetreibern zeigt, wie Besucher ihre Seite nutzen. Indem ich die Klickpunkte der User aufzeige, kann ich ihre Wege nachvollziehen. Außerdem kann ich darstellen, welche Ladezeiten User mit welcher Netzwerkanbindung haben und wie die Browser und Systemverteilung aussieht.

Wem nützt das?
Entwickler und Betreiber von Webseiten haben nur subjektive Annahmen darüber, wie Nutzer sich verhalten. Zumeist gehen sie davon aus, dass die User sich so verhalten, wie sie es selbst auch tun würden. Diese Annahme ist fast immer falsch. User gehen ganz anderes an das Medium heran, als die Entwickler von Seiten glauben. Mit Hilfe der Software, die ich entwickelt habe und die in die zu analysierenden Seiten eingebaut wird, kann ich die Differenz von Annahmen und tatsächlichem Verhalten von Nutzern darstellen und konkrete Verbesserungsvorschläge machen.

Woran hapert es auf den von Dir analysierten Seiten vor allem?
Ein Beispiel: Oft stelle ich fest, dass der gesamte Inhaltsbereich von Startseiten (also der redaktionelle Bereich) nicht genutzt wird. Die meisten Nutzer gucken nicht groß herum, sondern begeben sich zielstrebig zu den von ihnen gewünschten Informationen oder Dienstleistungen.

Nützt Dir soziologisches Wissen bei Deiner jetzigen Arbeit?
Ja. Für die Analysen sind empirische Verfahren mein Handwerkzeug. Außerdem ist es nützlich, gelernt zu haben, wie man sich demografische Zusammenhänge erschließt. Aber am Wichtigsten ist es, das Produzieren von Texten, das Verargumentieren von Zusammenhängen gelernt zu haben. Meine Kunden erwarten Auswertungen und Konzepte von mir, die 10 bis 50 Seiten lang sind. Ein Geisteswissenschaftler hat gelernt, zu recherchieren und ist sicher in der Strukturierung von Texten. Für meine Kunden kann ich zwar nicht so schreiben wie im wissenschaftlichen Kontext, aber das, was man während des Studiums an Schreiben und an Strukturieren von Texten gelernt hat, ist ein enormer Vorteil.

Wie würdest Du das Netz aus sozialwissenschaftlicher Perspektive beschreiben?
Ich betrachte das Netz systemtheoretisch: Als offenes System, das bestehende Systeme erweitert. Ich bin überzeugt, dass mit dem Internet ein künstliches Bewusstsein entstehen wird, das in zehn bis hundert Jahren als vollwertiges Gesellschaftsmitglied anerkannt sein wird.

Wie bist Du nach dem Studium in den Bereich Neue Medien gekommen?
Nach einigen Semestern Sozialwissenschaften wurde ich Volontär bei c't. Anschließend bin ich nach Berlin gegangen und habe bei Pixelpark als freier technischer Konzepter gearbeitet. Danach kam die Gründung meiner eigenen Firma.

Kannst Du anhand Deiner bisherigen Erfahrungen kurz beschreiben, was Sozialwissenschaftler in den Neuen Medien auszeichnet?
Sie sind eher Generalisten als Spezialisten. Sozialwissenschaftler interessieren sich weniger für die Gegenstände selbst als dafür, wie sie miteinander verknüpft sind. Im Vergleich zu Informatikern denken Soziologen anwendungsorientierter und sind eher bereit, auf Schnickschnack zu verzichten. Ein Informatiker fragt nach dem Wie, ein Soziologe hat gelernt, sich die Frage nach dem Warum zu stellen.
Informatikern und Grafikern macht es überhaupt nichts aus, wenn der Seitenaufbau nicht logisch ist. Sozialwissenschaftler sind dagegen nicht gewillt, strukturschwache Konzepte zu akzeptieren. So lange die Seite nicht rund und schlüssig ist, ist ein Sozialwissenschaftler nicht zufrieden. Ob das ein Vorteil oder ein Nachteil ist, kann man generell nicht sagen.

Was macht die Neuen Medien aus Deiner Sicht für Sozialwissenschaftler attraktiv?
Ein Medium zu bearbeiten, ist für Soziologen generell attraktiv. Beim Internet ist die Schnittstelle zwischen Konsumenten und Produzenten besonders eng. Man arbeitet in der Öffentlichkeit und muss sich tagtäglich mit dem Interessen dieser Öffentlichkeit auseinandersetzen. Das ist natürlich gerade für Soziologen interessant.
Für mich ist vor allem die Innovationskraft des Internet attraktiv. Die Möglichkeit, Ideen sofort umzusetzen, ist größer als in jedem anderen Medium.

Hast Du Kontakte im und über das Internet aufgebaut?
Ich habe zu niemandem im Netz Kontakt, zu dem ich nicht auch außerhalb des Internets Kontakt habe. Das Netz ist für mich reines Kommunikations- und Informationsmittel. Ich nutze es nicht zum Knüpfen, sondern zur Pflege von Kontakten.

Würdest du Dich als Netzwerker bezeichnen?
Ja. Gemäß der Spieltheorie betrachte ich Kontakte als so etwas wie Chips, die man tauschen kann und die einen weiterbringen. Ich versuche mir durch Kontakte Vorteile zu verschaffen. Das machen alle in dem Kreis, in dem ich mich bewege und es funktioniert hervorragend. Mit dem Internet hat der Begriff Netzwerker nichts zu tun. Aber als jemand, der mit dem Internet arbeitet, ist mir der Begriff vielleicht transparenter als anderen.




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